Ein Interview von Moshe Zuckermann, Luis Theroux als Atheist bei den illegalen Siedlern, linke Gedankenverrenker und ein paar ältere Eindrücke von mir aus dem göttlichen Land
„Das Totschlagargument Antisemitismus, das die Israelsolidarisierer verwenden, hat nichts mit Antisemitismus zu tun, das ist instrumentalisiert worden, Beispiel: Benjamin Netanjahu instrumentalisiert den Vorwurf Antisemitismus gegenüber der europäischen Israelkritik zum Zweck der Rechtfertigung seiner repressiven Besiedlungspolitik.
Die deutsche ehemalige Linke [Antideutsche] meint sich stark zu machen zu sollen für Israel, stark zu machen für „Juden“ – in Anführungszeichen, weil es ein abstrahierter Begriff von Juden ist, den sie haben. Die Leute verstehen aber nicht die israelische Realität, dass Israel seit 40 Jahren ein barbarisches Okkupationsregime betreibt [...], mit dem Preis dass an den Palästinensern ein historisches Unrecht begangen wird. Das wird von den Israelsolidarisierern ignoriert, weil diese immer wieder den Codex bringen: „Wir müssen mit Juden solidarisch sein“ – das hat nichts mit Juden zu tun, das hat etwas mit ihren Befindlichkeiten zu tun, mit ihrer Identität als Deutsche zu tun.[...]“ Moshe Zuckermann im Interview mit Teresa Arrieta
Israel wird als Projektionsfläche benutzt für die erfolglosen linken Bestrebungen und Revolutionswünsche hierzulande. Dabei spielt es keine Rolle, dass Israel auch nur ein Staat ist. Gegen einen Staat – zumindest gegen einen deutschen – hatte man doch eigentlich was? Und es scheint keine Rolle zu spielen, dass eventuell die beschworenen Ersatzsubjekte, z.B. konservative, jüdische Siedler sich vielleicht gar nicht für ihre neuen Verehrer interessieren und Unterstützung von deutschen Gedankenverrenkern sicher ablehnen würden.
Man kann sich das übrigens sehr gut vorstellen, wie realitätsfremdfremd Antideutsche in Israel wirken würden, etwa als Gäste einer traditionellen Beschneidungszeremonie: Schreiender Säugling, Großfamilie, fremdsprachige Lieder, tropische Hitze, dazwischen die emanzipierten, atheistischen „Israelfreunde“ in schwarzer Vermummungskluft – da treffen Welten aufeinander, die nicht zusammenpassen. Anschauen kann man sich das auch bei Luis Theroux, der hat in seinem Dokumentarfilm “The Ultrazionists“ die anderen Extremisten in Israel besucht: Ultrazionisten und illegale Siedler. Übrigens war er ständig im Erklärungsnotstand, als atheistischer Outer – in so einem religiös verbohrten Land würde ich das lieber nicht preisgeben, wenn mir Gott schnuppe wäre (ist er mir aber nicht).
Als ich im Jahr 2000 eine politische Bildungsreise nach Israel „verordnet bekam“ – mich zog es erst nicht so in staubige, heiße und dauerkriegserzürnte Gegenden – war ich dann doch angetan von der dortigen Vielfalt an Leuten, Pflanzen, Tieren, Meinungen, Religionen, Lebensweisen und vegetarischen Speisen. Unsere Reisegruppe kam von den Golanhöhen und der Westbank zurück und wir waren empört, in was für ärmlichen Bedingungen die Palästinenser hausten: auf deren Seite säumten tote Esel den Straßenrand, Autowracks, felsiges trockenes Land, wenig Brunnen, kaum ein grünes Blatt, auf der israelischen Seite bewässerte Grünanlagen, feriendorfartige Siedlungen, Kibbuze mit schwarzweißen Kühen, die zu Rockmusik gemolken wurden, Reinigungsroboter, die in Swimmingpools herumrutschten, Barmitzwa -Trubel mit rückwärtsgehenden Frauen und Männern mit Lederstriemen an den Armen und Schachteln auf dem Kopf.
Wieso mangelt es diesem Land an Empathie für die Lebensumstände der ärmeren Nachbarn?
Diese fehlende Empathie produziert dann auch den ewigen militaristischen Zustand im Zivilen, diese maschinengewehrbehängten Soldaten im Tel Aviver Stadtbus und im Supermarkt. Fehlende Empathie bringt erst die eindrucksvolle Galerie der zerbombten Busse und Häuser hervor.
Wieso tröten jetzt noch die „Israelfreunde“ in dieses arrogante Horn um die Ausweitung dieser ungerechten Umstände? Erwartungsgemäß sollten diese Linken auf der Seite der Armen und Geächteten stehen, und nicht auf der Seite derer, die Swimminpoolreinigungsroboter für US-Eigenheimbesitzer herstellen und die sich mit einem Volk identifizieren, dass dort vor 2000 Jahren mal im Sande herumvagabundierte. Zum Vergleich: Die heutigen Bewohner des tschechischen Mähren pochen doch auch nicht auf ihrem Existenzrecht in Halle, Meißen und Merseburg herum, nur weil sie dort mal um 890 n.Chr. als Teil der Großmährischen Reiches sich Asche aufs Haupt geworfen haben.
Ach so, dann wollte ich noch kurz beschreiben, wie man z.B. die eingetrichterte Arroganz als Deutscher zu spüren bekommt. Neben mir im Überlandbus von Eilat nach Tel Aviv saß ein junger kippabemützter Mann, der sich auch prompt von mir wegsetzte, als er erfuhr, dass ich aus Deutschland komme. Er verzog sich auf einen hinteren Platz, was ihm freilich nicht viel nützte, denn dort saßen alle anderen von unserer Reisegruppe und er war nun umzingelt von vermeintlich garstigen Deutschen. Da er dort nicht mehr wegkonnte, hub das Gespräch sogleich an mit den 6 Millionen Toten des Holocaust, ein Standardgespräch, dass man in Israel als Deutscher immerfort führen muss. Ich habe mich nicht mehr daran beteiligt, ich schaute lieber auf die Salzkrusten des toten Meeres, denn diese Gespräche werden einem sicher noch in hundert Jahren unter die Nase gerieben.